Gabriele Mittag: Der Frauenmörder vom Tegernsee
Mausl ist zwei Monate alt, hat zwei große Schneidezähne und fühlt sich am wohlsten in den Hüttenbetten auf der Blaubergalm. Die Blaubergalm liegt auf 1550 Meter Höhe in den Vorderalpen. Mausl wurde dort in der Nähe des Gipfelkreuzes von Anna, der holländischen Wirtin mit der imposanten Oberweite, vor vier Wochen gefunden. Mausl war ganz mager, irrte verloren im Voralpenland herum, mutterseelenallein, da von der Mutter zurückgelassen. Ohne Anna, der Wirtin, hätte Mausl nicht überlebt. Sieht man einmal von den Bergen und den Gämsen ab, die nachts die Zehen der Freiluftliebenden, im Freien schlafenden Bergwanderer anknabbern, ist Mausl die größte Attraktion auf der Blaubergalm. "Was ist das denn?" fragt der neunjährige Bub Sepp als Mausl abends neulich wieder an den erschöpften Hüttengästen vorbeihuschte. "Das ist Mausl, unser Murmeltier", sagt Anna. Dass in den Voralpen-Hütten Murmeltiere großgezogen werden, steht in keinem Reiseführer.
Vieles fehlt in den Reiseführern. Dies ist eine kleine Geschichte über das, was in Reiseführern steht und was da eben nicht steht. Zum Beispiel, dass der Kaiserschmarrn keineswegs überall in Bayern schmeckt, der von Anna ist beispielsweise geradezu ungenießbar. Neulich beim Abstieg von der Blaubergalm über die Wolfsschlucht, warnte eine hübsche Wanderin aus Kassel die entgegenkeuchenden Wanderer: "Esst bloß keinen Kaiserschmarrn auf der Blaubergalm! Mir ist ganz schlecht davon. Ich musste drei Schnäpse trinken, um den üblen Geschmack loszuwerden."
Auch über die speziellen Motivationsmethoden von Wanderführern liest man nichts in Reiseführern. Walter Kreuz zum Beispiel führt seit 20 Jahren Kurgäste aus dem Tegernseer Tal die Berge hoch. Mal geht es zum Hirschberg, oft zur Gindelalm und von dort auf den Neureut, wo es die besten Spinatsemmeln in Bayern gibt. Wenn einer der weiblichen Kurgäste schlappmacht, dann zieht er zwei Erfrischungsbonschen aus seiner Wanderhose und sagt: Und jetzt kriegst du auch noch einen Bussi! Meist ist es zu spät, dem Bussi auszuweichen, schon hängt er auf der Wange. "Na", sagt er dann triumphierend, überzeugt von seinem bayrischen Charme wie Stoiber von der Genialität der CSU. Die meisten weiblichen Kurgäste laufen schon deswegen weiter, um sich einen zweiten Bussi zu ersparen.
Walter Kreuz hätte lieber jüngere und ledige Kurgäste. Selten sind sie ledig, meistens etwas älter und ängstlich, meist sind sie nach Bad Wiessee verschlagen, weil ihre Ehemänner hier wegen Rheuma, Schlaganfällen oder Gelenkproblemen gelandet sind.
Am Tegernseer Tal gibt es die drittgrößte Millionärsdichte. Dort soll Gorbatschow leben, Juhnke hat sich regelmäßig im Hotel Bachmair betrunken, die Unternehmer Faber-Castell, Boss und andere leben hier; Ganghofer und Courtz-Mahler haben hier ihre Werke verfasst und die CSU hält hier bekanntlich ihre Tagungen im Wildbad Kreuth ab. Franz Josef Strauß ist gerne zur Königsalm gewandert und die Telecom-Mannschaft wird hier im Medical Park für die Tour de France trainiert. All das steht in Reiseführern.
Zu ergänzen wäre, dass die Tegernseer Millionäre durchaus hilfsbereite Menschen sind. Neulich saß eine jung gebliebene Wandersfrau aus Usedom im "Abwinkl Hof" und aß ihr Hirschgoulasch. Sie war der einzige Gast. Als sie bei den Germknödeln anlangte, nahm ein zweiter Gast, ein älterer Herr, im hinteren Teil des Restaurants Platz. "Wissen Sie, wo der Kampenweg ist", fragte sie die Kellnerin im Dirndl. "Nie gehört", sagt die und findet den Weg auf keinem Stadtplan. Da erhebt sich der ältere Herr, begrüßt die Fremde im Ort und sagt: Ich kann sie gleich mitnehmen. Ich habe im Auto ein Navigationssystem, das lotst sie überall hin." Die Fremde ist unsicher. "Sie brauchen keine Angst zu haben, ich bin hier bekannt als der Frauenmörder vom Tegernsee." Die Frau im Dirndl nickt zustimmend. Für die Usedomerin ist dies die erste Begegnung mit einem - bestimmt millionenschwerem - Frauenmörder. Fünf Minuten später sitzen die beiden in einem tollen Mercedes, allerdings kennt selbst das tolle Navigationssystem keinen Kampenweg. Sie findet den Weg intuitiv, Kampenweg 10, war gar nicht schwer. "Leben Sie hier?" fragt sie ihn. "Halb und halb", sagt der. Gern hätte sie ihn gefragt: Sind Sie Millionär? Und wenn er mit ja geantwortet hätte, gleich die nächste Frage nachgeschoben: Wollen Sie mich heiraten? Auf Sie habe ich mein Leben lang gewartet. Aber sie traut sich nicht, spürt nur das Hirschgoulasch, wie es verdauert wird, bedankt sich und verabschiedet sich."
In den üblichen Reiseführern steht auch nichts über hilfsbereite Männer, die im alpinen Wandern erfahren sind und plötzlich überforderten, da übermütigen Großstädterinnen vor dem Absturz bewahren. Die Dame, die mit dem Mercedes in den Kampenweg gelangt war, hatte beim Abstieg von der Blaubergalm über die Halserspitze nicht mit dem steilen Abhang gerechnet, da hieß es nicht mehr wandern, sondern klettern, den ganzen Körper gegen den Felsen drücken und dann Schritt für Schritt sich vortasten nach unten. Als sie da so hing am Felsen, auf 1860 Meter Höhe, mit Schuhen, die ihr vielleicht auf Usedom Halt gegeben hätten, aber nicht auf bröckelnden Felswänden, da verflucht sie sich für ihren Mut. Und plötzlich war sie da, die unverhoffte männliche Hilfe von oben. Ein junger Mann sprach besänftigend auf sie ein und lotse sie aus der Gefahrenzone. Sie hätte ihm gerne einen Preis gegeben für wohltätiges Handeln in den Bergen.
Auch die Schachspieler, die jedes Jahr aus der halben Welt oder vielleicht auch nur aus Niederbayern nach Bad Wiessee kommen, werden in keinem Reiseführer erwähnt. Erstaunlicherweise. Denn die sogenannten offenen internationalen Schachspiele sind ein großes Ereignis, zumal es Ende Oktober in Bad Wiessee überhaupt keine anderen Ereignisse mehr gibt, die Saison ist dann beendet, alle Germknödel auf den Almen sind aufgegessen und die Wirtinnen und alle Mausels bereiten sich auf den Winterschlaf vor. Viele der Schachspieler wohnen im Hotel Askania, einem nicht sonderlich modernen Hotel mit röhrenden Hirschen an den Wänden, verstimmten Akkordeonen auf den Fensterbrettern, alten Teppichen in den Gästezimmern und heruntergekommenen Gardinen und einem Herrn Kaiser, der gerne seinen Gästen alle Söhne vorstellt und alles, was nicht funktioniert auf seinen jungen Auszubildenden, Herrn Neumann, aus Senftenberg schiebt. "Der Neumann", sagt er dann. "Das ist so einer!" Die Schachspieler sehen die röhrenden Hirsche nicht, auch für die alten Gardinen und Teppiche haben sie kein Auge. Das berühmte Jod-Schwefel-Bad übrigens liegt genau gegenüber, dort stinkt es immer als hätte jemand 20 faule Eier irgendwo im Flur ausgekippt.
Genau in diesem berühmten, stets stinkenden berühmten Jod-Schwefel-Bad finden die offenen internationalen Schachspiele statt. Dort gibt es einen riesigen Saal. Der ist dann immer voller schwarz gekleideter ernster Männer. Es ist ein seltsamer Menschenschlag. Mausl werden sie nie kennenlernen. Denn Schachspieler bewegen sich nicht gern, schon gar nicht in den Bergen. So ein Schachbrett ist aufregend genug.
Berlin, den 1. November 2005