Brigitte Hilge: Mein Garten


Es ist ein Sommertag im Monat Mai. Bei 26 Grad im Schatten gehe ich barfuß im Sommerkleid durch den Garten. Die ersten Mücken befallen mich, die ersten Zecken unseren Hund. Die Markise spendet Schatten über der Sitzecke und Gartenliege. Soeben habe ich die Lektüre der letzten zwei Wochen ausgelesen, ein spannendes Buch, das mich zu meiner eigenen Erzählung angeregt hat.
"Elizabeth und ihr Garten" von Elizabeth von Arnim. 1898 veröffentlichte Elizabeth von Arnim dieses Buch über ihren Garten in England. Sie beschreibt darin den Jahreslauf in ihrem geliebten Garten, geschmückt mit ironischen und gesellschaftskritischen Betrachtungen. Angeregt durch Elizabeth möchte auch ich einmal über meinen Garten schreiben, beschränkt auf den Monat Mai. "Ich liebe meinen Garten", beginnt Elizabeth. Damit möchte auch ich beginnen. Ich liebe alle Gärten, meinen Garten natürlich besonders. Er prägt mich und ich ihn. Kann man einen Garten lieben? Ich liebe meine Familie, meinen kleinen Hund, aber meinen Garten? Ja, ich liebe ihn sehr, denn ich finde in ihm alles wieder, was ich lieben kann. Alle Gefühle und Stimmungen der Liebe kann mir mein Garten geben.
Mein Garten verrät mir Geheimnisse der Natur, er lehrt mich Achtung und Demut vor dem ewigen Kreislauf des Werden und Vergehens, den ich im Jahreslauf miterlebe. Die praktische Arbeit mit der Erde und dem Wasser, das Wachsen und Reifen in Sonne und Luft verbindet mich direkt mit den Elementen. Jetzt im Mai bricht alles mit Wonne hervor. Ein reges Treiben herrscht um mich herum. Schon sind Zitronenfalter unterwegs und der seltenere Frühlingsscheckenfalter, braun-orange gescheckt. Bienen arbeiten fleißig, viele emsige Ameisen saugen an den ersten Blattläusen, eine Amselmutter sucht Futter für ihre Jungen im Nest an unserer Dachrinne, ein weiteres Nest ist in der Buchenhecke - ich beobachte diese Vogelfamilien ganz genau und freue mich jeden Tag, den sie überleben, denn auch Katzen und Marder sind unterwegs.
Ewas ganz Scheußliches überfällt meinen Garen jedes Jahr regelmäßig. Eklige nackte schleimige kleine dicke kriechende Wesen, die über Nacht alles kahl fressen. Es sind Nacktschnecken, sie lauern unter Steinen, feuchten Ecken, unter Moosschichten und Laub, um bei Dämmerung über meinen Garten herzufallen. Sie wecken in mir solche Aggressionen, dass ich jeden Abend mit meiner Schneckenschere viele kleine Morde begehe. Nach der Schneckentötung bleiben nur schleimige Haufen zurück. Die Entscheidung über Weiterleben oder schleimige Resthaufen muss ich jedes Jahr wieder neu durchdenken. Wenn ich meine zarten selbstgezogenen Pflanzen behalten möchte, stehe ich vor der Wahl zwischen vergiften, in Alkohol ertränken, aufsammeln und in einer Plastiktüte ersticken oder zerschneiden. Jeder Gartenbesitzer kennt das schlechte Gewissen dabei.
Im Januar hatten Wolfgang und ich zum ersten Mal den Apfelbaum selbst geschnitten. Nach beendeter Arbeit und die Tage danach hatte ich den Eindruck, der Baum sei beleidigt, so merkwürdig gestutzt von uns zwei Laien. Ich befürchtete, er würde uns mit einer dürftigen Blüte und spärlicher Apfelernte dafür bestrafen, aber nein, er wusste, dass wir es gut meinten und unser Bestes taten, seit Tagen strahlt der wie eine Braut, mit Tausenden von weißen Blüten geschmückt. Vor zwei Jahren bekamen wir einen neuen Nachbar, Andrew, ein sehr netten Engländer. Er ließ sofort dunkelgrünen kurzen Rollrasen neu auslegen, am Zaun entlang pflanzte er verschiedenfarbige Rhododendren-Sträucher. Wie gern würde ich ihn nachts einmal überraschen, wenn er größere Mengen giftigen Unkrautvernichters ausstreut. Es ist zwar nur eine Vermutung meinerseits, aber ohne diese Umweltsünde könnte sein Rasen niemals so gleichmäßig und gleich bleibend dunkelgrün wie ein Samtteppich aussehen. Tagsüber ist Andrew fast täglich unterwegs mit verschiedenen Gartenscheren und einem Spezialmäher.
Er freut sich immer, wenn Spaziergänger stehen bleiben und seinen Rasenteppich bewundern. Auch ich habe ihn schon mehrmals gelobt. Er erklärt mir dann, der Rasen sei noch nicht so perfekt, wie er ihn eigentlich haben möchte, das liege an der Grassamen-Mischung aus Deutschland, die nicht so gut wie die englische sei. Eine Halmsorte der insgesamt drei verschiedenen Sorten sei etwas zu grob und fest. Das möchte er ändern, vielleicht muss der ganze Rasen nächstes Jahr erneuert werden. Ich tröste ihn und sage, ein Laie erkennt das gar nicht und Engländer wohnen ja keine weiteren hier. Es nutzt nichts, um sich hier wohl zu fühlen, braucht er einen richtigen englischen Rasen. Etwas verunsichert gehe ich dann über meinen Rasen zum Haus zurück ? über Riesenfladen von Moos, Wiesenkräutern wie Löwenzahn, Gänseblümchen, Klee, Hahnenfuss und vieles mehr ? und meine Grashalme, wie die erst aussehen, was habe ich bloß für eine Mischung gekauft! Andrews englischer Rasen und meine deutsche Wiese sind wirklich nicht vergleichbar. Jede ist eben anders schön, nur meine ist noch umweltfreundlich dazu. Meine prachtvollen Rhododendron-Sträucher blühen mit ihren englischen Kollegen um die Wette. Darüber freuen wir uns gemeinsam.
Bei meiner Arbeit im Blumenbeet umschwirrte mich gestern ein großes dickes Insekt. Es brummte so laut direkt an meinem Ohr, dass ich erschreckt gleich an eine Hornisse dachte. Ängstlich schlug ich mit dem Gartenhandschuh wild herum. Es summte weiterhin laut und gleichmäßig in meiner Nähe. Bedrohliche volksbekannte Sprüche fielen mir ein: "Vier Stiche können tödlich sein!" "Ein Stich löst oft einen Allergie-Schock aus!" oder "diese Stiche sind besonders schmerzhaft!". - Endlich schaute ich mir die Hornisse etwas genauer an - es war eine Hummel, mit einem schönen samtigen, braunen Körper. Das gleichmäßige Brummen wirkte sofort erleichternd beruhigend. Ich gab ihr den Namen Thekla und hieß sie willkommen in unserem Garten.
Jedes Jahr fürchte ich den Besuch zweier alter mürrischer destruktiver Männer. Oft zerstören sie die Schönheit der Gärten im Mai oder vernichten sogar die ganze Ernte. Servatius und Pankratius sind ihre Namen, die so genannten Eisheiligen. Ich wünsche mir sehr, dass sie sich dieses Jahr mehr heilig als eisig zeigen werden oder ganz vorbeiziehen, was manches Jahr auch passiert. Leider ging mein Wunsch nicht in Erfüllung. Gestern Abend kamen sie angerast, die befürchteten ungeladenen Gesellen. Traurigkeit und Wut gleichermaßen befielen mich, als ich aus dem Fenster schaute. Innerhalb von Minuten rasten sie durch den Garten und warfen dicke kieselsteingroße Hagelkörner verbunden mit Sturm und Regen ab. Noch am Morgen hatte ich meine selbst gezogenen lang gehegten und gepflegten Gemüsepflanzen hinausgepflanzt, in der Hoffnung, dieses Jahr sind Pankratius und Servatius gnädig gestimmt und bereits vorüber gezogen. Seit Monaten zog ich kleine Paprikapflanzen groß. Es zeigten sich schon kräftige kleine Früchte. Auf diesen Erfolg war ich besonders stolz. Die empfindlichen Paprika-Pflanzen und anderes Gemüse, aus Samen gezogen, standen wochenlang in der Küche herum und sollten nun, Mitte Mai endlich ihr Sommerquartier beziehen. Der Boden war gut vorgearbeitet, der Zeitpunkt, nach Mondkalender berechnet, schien mir günstig. Ich pflanzte also den ganzen Tag, freute mich abends über mein Werk und saß zufrieden auf der Terrasse. Da zogen plötzlich von Westen her dunkle Wolken auf, schnell räumte ich die Gartengeräte weg, ging ins Haus und dachte, dass ein bisschen Regen jetzt gar nicht schlecht wäre.
Dann kamen sie, an die ich gar nicht mehr dachte, mit besonderer Heftigkeit, Pankratius und Servatius. Erst Hagel, dann Schnee- und Graupelschauer, Sturmböen und ein Regenguss, alles dauerte gar nicht lange und endete mit einem Temperatursturz von örtlich bis minus ein Grad. Entsetzt schaute ich aus dem Fenster. Alle jungen Pflanzen wurden vom Hagel erschlagen, keine Paprika mehr, die niedlichen kleinen Kohlrabis, Tomaten, Zucchinis zerstört, Blumenstauden abgebrochen. Der Apfelbaum hatte das Brautkleid abgeworfen. Von den letzten bunten Tulpen standen nur noch nackte Stängel herum. Die Magnolienblüten waren verstreut im ganzen Garten. Es war ein trauriger Anblick. Pankratius und Servatius sowie die schleimige Schneckeninvasion können die freudige Mai-Stimmung in meinem Garten ordentlich verderben. Neue Pflanzen werde ich kaufen müssen, aber das ist nicht wie selbstgezogen. Die nächsten Tage wurde das Wetter wieder schöner, der Garten und ich beruhigten sich langsam.
Früher in Berlin hatte ich verächtlich über spießige Gärten mit Geranien und Gartenzwergen gelästert. Das war der allerletzte Kitsch und entsprechend beurteilte ich überheblich die Gartenbesitzer gleich mit. In meinem Garten stehen heute: Ein Schaf von der Insel Sylt vor dem Hauseingang, zwei bunte Hühner aus Keramik im Blumenbeet und in unserer italienischen Ecke eine antike Steinfigur mit einer Weinschale in der Hand, von der Toskana mitgebracht. Vorn auf der Terrasse, gut sichtbar, wurde ein antikes Schmuckstück platziert. Tante Rosels alte Zinkwanne, die wir noch schnell dem Sperrmüll entrissen haben. Sie ist immer mit frischem Wasser gefüllt und auch praktisch verwendbar. Manchmal schöpfe ich Wasser für die Kübelpflanzen, wenn es sehr heiß ist, wird Socke, unser Dackel, darin gebadet oder ich erfrische mich mit einem Fußbad. Abends steht sie mit leuchtenden Schwimmkerzen geschmückt als Dekoration und für romantische Stimmung zur Verfügung.
Eine besondere Attraktion sind die mit Wolfgangs altem VW aus dem Wald geholten dicken Baumstämme in verschiedenen Größen. Sie dienen als Tisch, Sitzflächen, Blumenständer und sehen sehr originell aus, verteilt zwischen üppigen Oleandertöpfen. Heute kann ich in anderen Gärten sogar auch Gartenzwerge akzeptieren. Am Wochenende, wenn ich schlesischen Streuselkuchen à la Pauline backe, für abends Berliner Kartoffelsalat mit Bouletten vorbereite und einen Kasten bayerisches Weißbier im Keller kühl stelle, kommen auch die Kinder gern mit Freunden aus der Stadt heraus. Oft gesellen sich spontan noch andere gute Bekannte dazu. Dann ist es lebhaft und fröhlich in meinem Garten, so lebhaft und fröhlich, dass ein griesgrämiger Nachbar regelmäßig mit voller Wucht seine Fensterrollläden herunterlässt. Er möchte uns stören. Das gelingt ihm aber nicht, wir sind daran gewöhnt und weiterhin fröhlich gestimmt. Eine dicke weiße Kerze in der großen Laterne wird angezündet, und auf Weißbier folgt Rotwein bis Mitternacht.
Am schönsten ist mein Garten am frühen Morgen. Er weckt mich mit Düften und Geräuschen. Heute zog ein betörender Fliederduft durch das geöffnete Fenster, dazu gab es ein fröhliches Vogelkonzert. Ich blieb noch ein bisschen liegen, um mich diesen Genüssen hinzugeben und die Harmonie der Natur in mich aufzunehmen. Staunend lausche ich den verschiedenen Geräuschen des Windes. Entsprechend bewegen sich die Wipfel der beiden Birken und des Ahornbaumes vor meinem Fenster. Wuchtig, energisch, peitschend, energiegeladen oder rhythmisch, spielerisch, sanft. Mit ihrem üppigen jungen Frühlingsgrün begrüßen mich gleich nach dem Aufwachen diese drei Bäume, jetzt im Mai, meist mit Sonnenschein. Meine Begeisterung für den Kompost hinter dem Haus unter dem großen Haselnussstrauch kann kaum einer nachempfinden. Er ist kleine Welt für sich. Aus alten, verwelkten, abgestorbenen Pflanzenteilen, aus Obst- und Gemüseresten, Eier- und Kartoffelschalen, Tee-Aufgüssen entsteht durch eine beeindruckende Umwandlung feine, nährstoffreiche neue Erde, der Humus. Dieser sorgt für neues Wachstum und Leben auf den Beeten. Unzählige Kleinlebewesen arbeiten daran. Jeder Regenwurm, jedes kleinste Tierchen gestaltet diesen Umwandlungsprozess mit.
Immer wenn ich meinen Kompost so staunend betrachte, beginne ich zu philosophieren. Sind wir nicht alle Kleinstlebewesen und arbeiten an einem großen Schöpfungsprozess im ganzen Kosmos mit? Nichts geht dabei verloren, nur Umwandlung findet statt. Alle und alles ist gleichsam wichtig für diesen Entwicklungsprozess. Der Kompost, mein Mikrokosmos, lässt mich immer wieder staunen über die wunderbaren Naturgesetze.
Abends wird es im Garten ruhig und somit auch in mir. Nur die zwei Amseln sind noch länger unterwegs auf Futtersuche. Etwas später singen sie für uns alle ihr herrliches Gute-Nacht-Lied. Oft werde ich gefragt, mit welchen besonderen Mitteln ich in meinem Garten arbeite, weil alles so schön kräftig blüht und gedeiht. Nur Wasser und eigener Humus und im Frühjahr etwas Blaukorn, ist meine Antwort. Ungläubig werde ich dann angeschaut. Ich selbst bin überzeugt davon, dass mir mein Garten zurückgibt, was ich ihm schenke. Die positive Kraft der Liebe.